To Wheel or Not To Wheel – das ist hier die Frage!

5 persönliche Überlegungen zum Konsensrad®

 

In diesem Post kommen einige meiner persönlichen Einblicke bezüglich des Wheel of Consent® (Konsensrad) von Dr. Betty Martin zur Sprache.

Sokrates, eine halb-fiktionale Romanfigur, und der junge Turner Dan Millman sitzen in einer Bar, als Sokrates sich eine Zigarre anzündet. Dan lacht und scherzt über das Rauchen: “Erinnerst du dich nicht? Wir machen sowas nicht mehr, wir wissen es doch besser!” Sokrates, der Dans spiritueller Lehrer ist, antwortet ganz gelassen:

“Gewohnheit ist das Problem. Das einzige, was man tun muss, ist, sich seiner Entscheidungen bewusst zu sein und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.”

Dieser kurze Dialog aus Dan Millmans Buch “Der Pfad des friedvollen Kriegers” stellt zwei Themen vor, die häufig bei der Verwendung des Konsensrades auftauchen: (1) die Macht der Gewohnheit und (2) das Verstehen der eigenen Wahl.

In meiner Arbeit unterstütze ich Klienten oft dabei, ihre unbewussten Gewohnheiten und verborgenen Verhaltensmuster zu erkennen. Nur wenn diese Muster sichtbar sind, können sie, wenn gewünscht, verändert werden. Gewohnheiten, die sich bewährt haben, werden beibehalten, Gewohnheiten, die nicht mehr dienlich sind, werden schrittweise abgelegt. Das Konsensrad® kann als gewohnheitsmäßige Entschlackungskur genutzt werden.

Dr. Betty Martins Konsensrad® ist ein wunderbares Werkzeug, um unsere Gewohnheiten zu erforschen und mehr Bewusstsein und Klarheit über das Geben und Empfangen von Berührungen zu schaffen, sowie über die Frage, für wen die Berührung eigentlich bestimmt ist. Während Berührung vor allem für das somatische Lernen hilfreich ist, lässt sich die Dynamik des Gebens und Empfangens auch auf andere Lebensbereiche übertragen.

Die Schönheit des “Rades” liegt in seiner Einfachheit und gleichermaßen in seiner Komplexität. Die Fragen sind einfach, die Antworten häufig nicht. Während einige der Dynamiken universell zu sein scheinen, neigen die Aha-Effekte dazu, sehr individuell und nuancenreich zu sein. Im Folgenden möchte ich einige meiner persönlichen Erfahrungen, Offenbarungen und Aha-Effekte mit euch teilen.

JA und NEIN

Früher hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich Nein zu etwas oder jemandem sagte, weil ich Angst hatte, die Gefühle dieses Menschen zu verletzen. Inzwischen vertraue ich zunehmend auf den Ansatz, dass das NEIN nur eine Präferenz und keine Zurückweisung ist. Ich bin geneigt, meiner aufrichtigen und intuitiven Entscheidung stärker zu vertrauen. Ich verstehe, dass NEIN ein vollständiger Satz ist, der nicht erklärt werden muss. NEIN zu anderen zu sagen, bedeutet JA zu mir selbst zu sagen.

Die Macht der freien Wahl

Das Wissen um die eigene Wahl bedeutet Freiheit. Freiheit ist Macht. Nur wenn ich alle meine Optionen kenne, kann ich meine Aufmerksamkeit gezielt dort hinlenken, wohin ich möchte. Sich für Mehrdeutigkeit zu entscheiden, kann Vergnügen bereiten. Humor, Komik und Flirten leben von Mehrdeutigkeit, unterschiedlichen Sinngebungen und einer Fülle von Deutungsmöglichkeiten. Wenn ich verunsichert bin, kann ich in den sicheren Hafen der Eindeutigkeit zurückkehren. Es ist in Ordnung nicht zu wissen. Wenn das passiert, drossele ich das Tempo oder halte komplett an.

Gewohnheitsmäßige Selbsteinschätzung

Das Konsensrad® ist kein moralischer Kompass. Weder sagt es mir, was ich zu tun oder zu lassen habe, noch beurteilt es meine Wahl. Wenn ich damit arbeite, enthüllt es allerdings mein eigenes Urteil über meine Entscheidungen, Gewohnheiten, Bedürfnisse, Ängste und auch meine Grenzen. Das Rad hilft mir, diese Urteile und meine ganz individuelle Dynamik rund um das Thema der Zustimmung zu ergründen.

Lasst uns JA sagen und uns dabei wieder sexy fühlen!

Einverständnis, Grenzen, Klarheit und Moral werden manchmal als hinderlich und einengend angesehen, wenn es um Leidenschaft, Gefühle, Begehren und Romantik geht. Ich bin allerdings der Ansicht, dass das Gegenteil davon der Fall ist! Jeder, der schon einmal ein begeistertes “Ja, klar!” hinsichtlich einer Berührung oder einer wie auch immer gearteten sexuellen Aktivität erhalten hat, weiß das. Erst wenn ich weiß, was ich will, kann ich es erbitten. Erst wenn ich weiß, was ich nicht will, kann ich meine Grenzen setzen und es auch deutlich kommunizieren. Erst wenn ich JA sagen kann, kann ich auch NEIN sagen. Konkrete und unzweideutige Ansagen können durchaus Spaß machen und sexy sein.

Sicherer Hafen im Strom des Lebens

Es gibt die weit verbreitete Auffassung, dass die menschliche Interaktion ganz allgemein und insbesondere die intime Begegnung im Fluss sein sollten. Wir wollen uns der Liebe, Leidenschaft und Anziehung hingeben und uns um nichts anderes mehr Sorgen machen müssen. Dem stimme ich von ganzem Herzen zu. Solange alle Beteiligten sich damit wohl fühlen, ist es großartig, sich dem Fluss hinzugeben! Was ist jedoch, wenn es nicht im Fluss ist? In diesem Fall kann ich “das Rad” als einen sicheren Hafen benutzen, um herauszufinden, was tatsächlich vor sich geht. Es ist quasi ein Vergrößerungsglas für meine Intuition, mit der ich die Realität überprüfen kann: Genieße ich, was gerade geschieht? Wie fühlt es sich an in meinem Körper? Kann ich mein Erleben so verändern, dass es mir (mehr) Vergnügen bereitet? Für wen ist es bestimmt?

Konsens-Workshops auf deutsch
Mehr Information über das Konsenrad® (EN)

Über den Blog-Autor

Ondra Veltruský

Ondra Veltruský

Ondra ist ein Somatischer Coach für Intimität und Sexualität, der in der Tradition des australischen Instituts für somatische Sexologie (ISS) ausgebildet wurde und arbeitet. Er begleitet die Menschen dabei, in ihrem Körper und Geist präsent zu sein, und unterstützt sie, kluge Entscheidungen im Bereich der Intimität und der Freude zu treffen.

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