Vorwort von Ondra Veltruský zur tschechischen Ausgabe des Buches »The Art of Receiving and Giving – The Wheel of Consent«

Ich bin sehr dankbar für das Angebot des Verlags Maitrea, einige einleitende Zeilen zum Buch von Betty Martin zu schreiben. Es ist ein Versuch, in wenigen Absätzen einzufangen, was mich daran am meisten fasziniert.

 

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Mein Weg zum Wheel of Consent beginnt mit einer persönlichen Erfahrung, nicht mit Theorie. Seitdem begleitet mich eine Frage, die zu meinem inneren Kompass geworden ist: Habe ich eine Wahl? In diesem Vorwort beschreibe ich, wie die vier „Quadranten“ des Wheel of Consent verborgene Dynamiken in Beziehungen sichtbar machen und warum die körperliche Erfahrung im Zentrum dieser Arbeit steht. Ich gehe auch darauf ein, wie Konsens dort unsichtbar wird, wo das Bewusstsein für Machtdynamiken fehlt, und warum dieser Ansatz besonders für traumasensible Arbeit geeignet ist. Am Ende zeige ich, dass klare Grenzen und bewusste Wahl der Leidenschaft nicht im Weg stehen müssen, sondern im Gegenteil zu mehr Freiheit und Lust führen können.

 

(Übersetzung aus dem Tschechischen)

VORWORT ZUR TSCHECHISCHEN AUSGABE

Mein Weg zum Wheel of Consent begann nicht mit einem Buch und auch nicht mit Theorie, sondern mit Berührung. Unerwartet, klar, vollkommen freiwillig. In dieser Berührung lag mehr Wahrheit als in Hunderten von Gesprächen. Plötzlich spürte ich, was es bedeutet, eine Wahl zu haben und zugleich Verantwortung dafür zu tragen, was ich mir wünsche, erlaube und anbiete. Seitdem begleitet mich, manchmal leise, manchmal eindringlich, diese Frage: Habe ich eine Wahl? Sie ist für mich zu einer Art innerem Kompass geworden. Nicht zu einem, der mir ständig die Richtung vorgibt, sondern zu einem, nach dem ich greife, wenn ich mich orientieren muss.

Das Buch, das Sie gerade in den Händen halten, verstehe ich als einen mutigen und notwendigen Versuch, ein Thema klarer zu beleuchten, das für viele von uns schwer zu fassen ist. Und das ist kein Zufall: Unsere Fähigkeit, Zustimmung wahrzunehmen, auszudrücken oder zu respektieren, ist tief von unserer persönlichen Geschichte geprägt. Von Erfahrungen, generationenübergreifenden Mustern, kulturellen Zusammenhängen und Machtstrukturen. Dieses Buch will keine Anleitung sein, sondern eine Einladung zum körperlichen Erkunden. Das Wheel of Consent ist ein Weg, auf dem wir im eigenen Körper spüren können, wie sich Wahlfreiheit, Grenzen und Zustimmung anfühlen, aber auch deren Abwesenheit. Es geht nicht um eine Technik, sondern um eine Erfahrung, die durch Berührung, Kommunikation und das Bewusstwerden der eigenen Motive entsteht.

Die vier Quadranten des Wheel of Consent helfen dabei, verborgene Dynamiken zu benennen, die sich in Beziehungen und Interaktionen abspielen. Der eigentliche Wert liegt jedoch im somatischen Verstehen. In dem, woran sich unsere Körper erinnern, was sie begreifen und was sie lernen. Dieser Fokus auf körperliche Wahrnehmung bildet den Kern des Ansatzes von Betty Martin, der sich weltweit unter Therapeut:innen, Begleiter:innen, Pädagog:innen sowie im Feld der persönlichen Entwicklung verbreitet. Ich vermittle diesen Ansatz mit großer Begeisterung in Workshops in mehreren Sprachen in ganz Europa.

„Ja“ und „Nein“ zu sagen ist eine Fähigkeit, zu der viele von uns erst wieder mit klarem Bewusstsein Zugang finden müssen. Viele Menschen meiden das Wort „Nein“ aus Angst vor Zurückweisung oder davor, jemanden zu enttäuschen. Mit der Zeit kann jedoch das Verständnis wachsen, dass ein „Nein“ nicht die Ablehnung eines Menschen ist, sondern schlicht der Ausdruck einer persönlichen Präferenz. Anderen gegenüber „Nein“ zu sagen, kann zugleich bedeuten, zu sich selbst „Ja“ zu sagen. Genau darin liegt die Kraft der Wahl: im Bewusstsein, dass wir wählen können, wohin wir unsere Aufmerksamkeit und unsere Energie richten. Auch Unsicherheit und Zögern haben im Wheel of Consent ihren Platz. Es ist nicht nötig, sofort alles klar zu wissen. Wenn wir es nicht wissen, können wir verlangsamen oder sogar anhalten. Auch das ist eine Wahl.

Auch wenn sich das Wheel of Consent rein sprachlich oder sogar ohne Berührung erforschen lässt, ist die körperliche Erfahrung oft der unmittelbarste Weg zum Verstehen. Wenn wir sie zulassen, kann Berührung eine wahrhaftige Sprache sein. Eine Sprache, durch die wir lernen, über unsere Muster, Erwartungen und Gewohnheiten zu kommunizieren. In diesem Sinne wirkt das Wheel of Consent wie eine sanfte „Entgiftung“. Es zeigt, was wir nicht mehr brauchen.

Die Schönheit dieses Ansatzes liegt in der Verbindung von Einfachheit und Komplexität. Die Fragen sind oft sehr schlicht, doch die Antworten sind zutiefst individuell. Das Wheel of Consent bewertet nicht. Es versucht nicht, ein ethischer Kompass zu sein, sondern schafft einen Raum, in dem wir auf natürliche Weise beginnen hinzuschauen: wie wir uns selbst beurteilen, unsere Sehnsüchte, unsere Grenzen, unsere Gewohnheiten und unsere Ängste. Und vielleicht beginnt gerade damit echte Veränderung.

Zustimmung wird oft dort unsichtbar, wo Machtunterschiede ins Spiel kommen. Die sogenannte sexuelle Revolution, die in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begann, hat viel Wichtiges hervorgebracht. Mehr Offenheit, Befreiung von Scham und den Versuch, überholte Strukturen aufzubrechen. Zusammen mit dem Wunsch, Hierarchien abzubauen, ging jedoch stellenweise das Bewusstsein dafür verloren, dass Freiheit ohne Machtbewusstsein leicht in ungesunde Dynamiken kippen kann. Wenn dabei die Fähigkeit fehlt, zu unterscheiden und Verantwortung zu übernehmen, entsteht Raum für Manipulation und Machtmissbrauch, ob bewusst oder unbewusst. Der Satz „Wir sind alle Lehrende, wir sind alle Lernende“ kann inspirierend klingen. Wenn er jedoch nicht in klaren Grenzen und in einem bewussten Verhältnis zur eigenen Rolle verwurzelt ist, kann er zu einem Deckmantel werden. Und genau das ist leider in manchen Gemeinschaften geschehen, auch bei uns in Tschechien. Es traten selbsternannte Lehrer:innen, allerlei Gruppen und verschiedene Gurus auf, die Transformation und persönliches Wachstum versprachen, in Wirklichkeit aber Vertrauen untergruben, Grenzen überschritten und Verletzungen verursachten.

Das Wheel of Consent stellt deshalb grundlegende Fragen: Für wen ist welche Berührung? Wem dient der Austausch wirklich? Wie fühlt sich die Möglichkeit der Wahl an?

Ich glaube, dass dieser Ansatz, wenn er wirklich körperlich erfahren wird, persönliche Freiheit stärken kann. Er hilft Menschen, sich selbst besser wahrzunehmen, Verantwortung zu übernehmen und dadurch weniger anfällig für Manipulation und unklare Machtspiele zu werden.

Dieser Ansatz beruht auf klarem Bewusstsein, Freiwilligkeit und Verlangsamung. Das sind zentrale Elemente für eine Arbeit, die oft auch für Menschen mit traumatischen Erfahrungen geeignet ist. Trauma ist häufig mit dem Gefühl verbunden, keine Wahl gehabt zu haben, dass etwas zu viel war, dass es keinen Ausweg gab. Das Wheel of Consent ist natürlich keine Therapie. Doch die Arbeit mit der Frage der Wahl kann, vereinfacht gesagt, eine Art Gegengift sein. Sie hilft, die Beziehung zu sich selbst und zum eigenen Körper wieder aufzubauen und den inneren Kompass für das Gefühl von Wahl neu zu kalibrieren. Und genau das kann zutiefst wohltuend und heilsam sein.

Und schließlich: Klare Kommunikation, Grenzen und Zustimmung müssen keine kalte Dusche für Leidenschaft und Erotik sein, ganz im Gegenteil. Wenn wir wissen — auch wenn das manchmal nicht leicht ist — was wir wollen und was wir nicht wollen, können wir freier, spielerischer und mit mehr Leichtigkeit lieben. Bewusste Wahl kann erfüllend sein. Und sexy.

Ich wünsche der tschechischen Ausgabe viele Leserinnen und Leser sowie all jene, die sich vielleicht in keiner dieser Kategorien wiederfinden. Möge sie alle unterstützen, die nicht nur Verständnis suchen, sondern auch Erfahrung. Möge sie uns helfen, klarer zu sehen, bewusster zu wählen und Beziehungen mit mehr Offenheit und Respekt zu begegnen.

Im Juni 2025
Ondra Veltruský, M.A.
Somatischer Sexualcoach und zertifizierter Wheel of Consent® Ausbilder
ondra.li/de

 


Tschechisch

Betty Martin, Robyn Dalzen: Kolo souhlasu. Umění přijímání a dávání. Maitrea, 2025. ISBN 978-80-7500-714-8.

 

Englisch (original)

Betty Martin, Robyn Dalzen: The Art of Receiving and Giving. The Wheel of Consent. Luminare Press, 2021. ISBN 978-1-64388-308-3

 

Über den Blog-Autor

Bild von Ondra Veltruský, M. A.

Ondra Veltruský, M. A.

Ondra Veltruský ist ein körperorientierter Sexualcoach. Er hilft Menschen dabei herauszufinden, was sie im Bereich der Sexualität und Intimität erleben wollen. Neben Gesprächen arbeitet er mit trauma-sensiblem Berührungscoaching und dem bewussten Einsatz von Atmung, Stimme und Bewegung. Als zertifizierter Wheel of Consent®-Trainer veranstaltet er deutschlandweit Workshops zur Consent und Kommunikation.

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